Busspirale und Kokainpop

Beitrag zum Konzert von Rammstein in Zürich –

Sommer 2022 | von Nadja Zela




Heute poste ich dieses starke Ausgleichs-Bild, welches mir spontan vorschwebte und ich dann im Weltweiten Netz gesucht und geklaut habe. Obwohl, vielleicht hat es mehr mit dem vermeintlich Auszugleichenden zu tun, als man auf den ersten Blick denkt. Vielleicht ist es mehr ein Ergänzungsbild. Denn Kitsch kommt in vielen Formen daher und bei Männerkitsch ist es komplex. Ich komme drauf, weil mein Bus hat sich gerade mit Mühe und Not durch die zweite Staffel 47’000 Menschen gegraben, die heute mit dicken Fudis in engen schwarzen Jeans, ausgeleierten Hoodies von 1997 auf denen «Fuck» steht und grossflächigen Johnny Depp als «Charlie» aus der «Chocolate Factory» Arm-Tattoos in Scharen an den grossen Event in meinem Quartier pilgern. Und der Buschauffeur machte gar das Fenster auf und sagte in dramatischem Tonfall zu der Frau, die am Albisriederplatz den Verkehr zu regeln versuchte: «Jetzt müsst ihr aber aufpassen, sonst gibt es eine Busspirale. Wenn es eine Busspirale gibt, fährt gar nichts mehr!» Ich dachte: «Hossa, es geht was und ich mag das!»- Chaos in little big city. Und ich wohn jetzt schon lange hier und hab noch nie die Busspirale erlebt. Aber es gab dann leider doch keine.

Ihr wisst schon, diese deutsche Pop-Band mit Koksdrive, cheapen Synthisounds und den 15 Kompressoren pro Spur, die auch dem taubsten Kantonalbankmitarbeiter die Männliche Vorherrschaft deutlich musikalisch zu versichern wissen – sie sind da und eins ist klar dabei: Testosteron is in da house! Hand aufs Herz, wie es die gut geföhnten Knaben mit eindrücklicher Geste auf ihren Promobildern mimen: wir sind alle bisschen Nazis und immer bisschen im Krieg, oder? Oder was genau will uns der verkaufsträchtigste Marketingartikel seit der Erfindung der Stromgitarre aus der deutschen Musikexporthistorie schon wieder sagen? Ich habs eben nie ganz verstanden. Die Hitlerjugendfrisuren und zur Irritation schwarz lackierten Nägelchen. Die werbewirksamen Reime aus dem Vediakatalog des Songwritings. Der Schmachtmetal für «deep» gebliebene Teenager um die Fünfzig und die Klamotte aus «Der Name der Rose» für «Die Neue Härte». Die Naziästethik, die Uniformen und die knienden Schneewittchen hinter welchen ein strammer Deutscher aufrecht steht. Die Band für dunkle Seelen von 17–23h oder sowas? Sind sie nicht die Quintessenz von allem, was an Männerrock platt, albern und von gestern ist? Ist diese Band sowas wie Musik gewordener Uniformen-Porn?

Egal! Friede sei mit ihnen! Ich war nur immer skeptisch, wenn einer mit Kampfstiefeln und Undercut das «R» so fest rollt beim Rezitieren und keiner meiner Musikerkollegen konnte mir in den letzten 20 Jahren klar machen, was an dieser Band nun wirklich so fasziniert. Aber viele sind ausgesprochen fasziniert. Und irgendwas muss da ja sein. However. Vielleicht ist es wie mit den Burgerrestaurants: mit Kochen hat es nichts zu tun, aber es hat sich breit durchgesetzt wegen fettigem Fleisch, weissem Brot und viel Zucker in der Sosse.


PS: ich fürchte, leider weiss niemand mehr was der Vediakatalog war, aber als Kind hab ich den fast so geliebt wie das «Bravo», ich gebs zu – hab grad gegoogelt: Vedia gibts noch! Wenn ich so darüber nachdenke, was die Jahrzehnte überlebt und was nicht … krazy! Das Café Gleich hat nicht überlebt, aber der Vediakatalog schon? Seltsam.




Bild: gestohlen aus dem www





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